Großkonzerne verlieren durch den KI-Hype die Fähigkeit, nüchtern zu entscheiden. Nik Suresh beschreibt, wie der Hype rationale Prozesse untergräbt.
Heute leicht reduzierte Ausgabe.
Ein Berater beschreibt, wie Führungskräfte KI-Werkzeuge einführen, die sie selbst nie benutzt haben - und was das über den aktuellen Boom aussagt.
Nicht jede KI-Nachricht handelt von neuen Modellen oder Rekordwerten. Manchmal geht es um das Gegenteil: um die Frage, was der Hype eigentlich mit den Menschen macht, die ihn ausrufen. Ein Blogbeitrag von Nik Suresh, der derzeit sowohl auf Hacker News als auch bei Simon Willison Aufmerksamkeit findet, argumentiert, dass die aktuelle KI-Manie die Entscheidungsfindung in grossen Unternehmen aushöhlt. Der Ton ist bissig, die Beobachtungen kommen aus dem Beratungsalltag - und sie zeichnen ein Bild, das nicht zur Hochglanz-Erzählung der Branche passt.
Suresh schreibt unter dem Titel "AI Mania Is Eviscerating Global Decision-Making" über seine Erfahrungen als Berater bei Grosskonzernen. Simon Willison zitiert daraus einen besonders scharfen Anekdotenpunkt: In einem Extremfall habe eine Führungskraft eingeräumt, selbst noch nie ChatGPT oder irgendein anderes KI-Werkzeug benutzt zu haben - während dieselbe Person offenbar strategische Entscheidungen rund um KI trifft. Der Text sei, so Willisons Einordnung, "vollgestopft mit pikanten Anekdoten aus anonymen Quellen". Weitere Details der Anekdoten sind in dem hier vorliegenden Material nicht wiedergegeben.
Relevant ist die Geschichte, weil sie eine Lücke benennt, die in den grossen Ankündigungen selten vorkommt: Zwischen dem, was Modelle können, und dem, was Entscheider über sie wissen, klafft in vielen Organisationen ein Spalt. Wenn Vorstände Budgets, Stellen und Produktstrategien an einer Technologie ausrichten, die sie nie selbst ausprobiert haben, entstehen Fehlallokationen - unabhängig davon, ob die Technologie am Ende hält, was sie verspricht. Dass der Beitrag gleich auf mehreren Plattformen auftaucht, die sonst eher technisch orientiert sind, deutet darauf hin, dass die Beobachtung einen Nerv trifft. Auch Entwickler und Berater scheinen den Eindruck zu haben, dass in den Chefetagen etwas schiefläuft.
Unklar bleibt bei dieser Art von Text vieles. Suresh stützt sich auf anonyme Anekdoten, nicht auf systematische Umfragen - der Vorwurf ist so schwer belastbar wie er zugespitzt formuliert ist. Ob der beschriebene Executive-Fall repräsentativ ist oder ein Extremfall, geht aus dem vorliegenden Material nicht hervor. Auch fehlen im hier gelieferten Auszug konkrete Branchen, Länder oder Grössenordnungen. Wer den Text ernst nimmt, sollte ihn daher als Stimmungsbild aus dem Beratungsalltag lesen, nicht als empirischen Befund. Als Korrektiv zum reinen Produkt-Marketing ist er trotzdem wertvoll: Er erinnert daran, dass die spannendste Frage rund um KI oft nicht lautet "Was kann das Modell?", sondern "Wer trifft eigentlich die Entscheidungen darüber - und auf welcher Basis?".
In den nächsten Wochen lohnt der Blick auf zwei Dinge: erstens, ob weitere Praktikerberichte aus Beratung, IT und Fachabteilungen dieses Bild bestätigen oder relativieren. Und zweitens, ob es in grossen Organisationen erste Gegenbewegungen gibt - etwa verpflichtende Eigennutzung von KI-Tools durch Führungskräfte, bevor sie strategische Entscheidungen dazu treffen. Der Blogbeitrag ist keine Studie, aber er ist ein Signal, das man ernst nehmen kann, ohne es zu überhöhen.
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